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Das Kind war Kind
so lange, bis Mutter und Vater gestorben waren
Monika Riihelä, Reeli Karimäki, Liisa Karlsson, Kaija
Kemppainen, Niina Rutanen
Aus dem Finnischen von Ingrid Schellbach-Kopra.
Publiziert im Jahrbuch für finnisch-deutsche
Literaturbeziehungen Nr. 33 2001. Mitteilungen aus der deutschen
Bibliotek, Helsinki.
Pub. auf internet 11.01.2002.
* Die Familie
mit den Worten von Kindern
* Zusammenfassun
* Elternhaus
und Eltern in den Geschichten der Kinder
* Vater
und Mutter gingen mit dem Baby zum Arzt
* Eskimo-Märchen
* Kinder als Informanten
* Fragen
schränken das Erzählen ein
* Das
Interviewen von Kindern durch Storycrafting
* Über
die Auswirkungen der neuen Methode
* Eine Mutter
über das Storycrafting
* Die
Kinder als Kraftreserve der Familie
* Die Eltern
und die Spiele der Kinder
* Das
Themeninterview als Sammelmethode von Kinderspielen
* Die
Märchen und Spiele der Kinder als Forschungsobjekt
* Die
vielen Formen des Mutter- und Kindspiels und des Familienmärchens
* Der Bauernhof
* Der Wohnwagen als
Zuhause
* Das Haus der Prinzessin
* Die Familie
in den Spielen der Kinder
* ..wo wir
immer „Zuhause" spielen
* Familienwortschatz
in den Erzählungen der Kinder
* Die Rolle der Eltern
* Es war
einmal ein kleines Eichhörnchen
* Patchworkfamilien
und neue Beziehungen
* Die Entenfamilie
* Für Mutter
* ..bin
13 Jahre und wir spielen dies häufig
* Die
Energien der Familie in Stadtspielen
* Die
Familie bringt ihre Kinder zur Tagespflege und zur Schule
* Kalle in die Schule
* Die
Familie inmitten eines Kriegsabenteuers
* Indianerjagdgeschichte
* Kinder ohne Familie
* Es waren
einmal kleine Schweinchen
* Vom
Verliebtwerden bis zur Geburt eines Kindes
* Die kleine Ente
* Die Liebe
zwischen Heli und Henkk
* Ausblick
* Literatur
Die Familie
mit den Worten von Kindern
Es war einmal ein kleiner Stern, das war der Prinz. Und dann
suchte er die Prinzessin, und er fand sie ein paar Kilometer
weiter. Sie gingen ins Schloß, und dann sagte der König, daß
sie in vier Wochen heiraten können. Und es waren schon vier
Wochen vergangen, und sie sagten am nächsten Tag, daß die Wochen
vorbei sind. Dann kam gleich der König und sagte: „Ihr könnt
heiraten." Und sie gingen den Pfarrer holen. Und der Pfarrer
sagte, ihr könnt erst morgen heiraten. Und gleich als es morgen
geworden war, konnten sie getraut werden. Dann bekamen sie den
Ring und sie gingen Kaffee trinken. Dann gingen sie in ihr neues
Zuhause und bekamen eine Wohnung und sie lebten und sie lebten
dort. Dann lebten sie so lange, daß sie groß wurden, und dann
wurde aus der Prinzessin eine Mutter und aus dem Prinz ein Vater.
Sie bekamen eine Prinzessin, und die Prinzessin wurde ein Kind.
Und das Kind war Kind so lange, bis Mutter und Vater gestorben
waren.
Das Märchen der 5jährigen Veera trägt den Namen „Der
Stern" (Karlsson 2000, 129-130).
Zusammenfassung
Der folgende Aufsatz behandelt die Vorstellungen und Gedanken
von Kindern über die Familie und das Familienleben in Finnland.
Wie schildern die Kinder die Familienmitglieder und ihre
Handlungen? Untersuchungen haben ergeben, daß entsprechende
Informationen durch das Zuhören sowie durch Aufzeichnung und
Analyse von Kinderspielen erhalten werden. Im folgenden werden
einmal die Methoden des Sammelns von Informationen analysiert, die
den Kindern die beste Möglichkeit geben, als Informanten zu
wirken, und andererseits werden die Kenntnisse der Kinder über
die Familie, wie sie sich in ihren Geschichten, Märchen und
Spielen ausdrücken, erörtert. Unser Material ist bewußt nicht
durch Fragen erhoben worden. Als Methoden dienten uns das
neuartige Geschichtenerzählen der Kinder, das sog. Storycrafting,
thematisches Interview und thematisches Schreiben; durch diese
Form der Befragung wird das Vertrauen und die Nähe hervorgehoben.
Die Methode des Storytelling ist in vielen Zusammenhängen
verwendet worden; bei Kindern ist man jedoch stets davon
ausgegangen, daß man sie motivieren, anleiten und aktivieren muß,
damit sie Geschichten produzieren. Außerdem war man allgemein der
Meinung, daß die Erzählungen der Kinder noch nicht genug
entwickelt sind, daß man sie nicht ganz ernst nehmen könne. Die
Erwachsenen, Pädagogen wie Wissenschaftler, wollten mit anderen
Worten die Motivierung der Kinder beeinflussen und ihre Resultate
„verbessern". Es gibt jedoch auch andere Beispiele, wo das
spontane Erzählen der Kinder respektiert wurde.
Erwähnt sei in diesem Zusammenhang die Arbeit von Brian
Sutton-Smith (1981) über das Geschichtenerzählen von Kindern.
Auch Vivian Gussin Paley (1998) hat jahrelang Erzählungen und
Geschichten von Kindern gesammelt, um unter anderem die eigenen
Gedanken der Kinder sichtbar zu machen. Sie hat die Methode des
Storytelling besonders geschickt angewandt, um ein stärkeres
Engagement der Kinder zu erreichen.
Die neuesten einschlägigen Arbeiten stammen von Ricki
Goldman-Segall (1998); sie beschäftigt sich mit den Gedanken und
Geschichten von Kindern und konzentriert sich bei den
Anhörmethoden auf digitale Geräte. Sie verwendet drei Begriffe;
Storyreading, Storymaking und Storytelling im Schulunterricht.
In Deutschland existiert ein Erzähl- und Geschichtenprojekt unter
dem Begriff Storymailing. Auch hier spielt die Anleitung der
Kinder durch erwachsene Pädagogen hinsichtlich der Dramaturgie
eine Rolle. Näheres unter www.spiellandschaft.de.
Die Methode des Storycrafting weicht von den oben genannten
Verfahren insofern ab, als der Aufzeichner die Geschichte dem Kind
dann noch einmal vorliest, wobei es die Möglichkeit zu
Korrekturen hat. Näheres unter www.stakes.fi/childknowledge.
Wir stehen erst am Anfang unserer Untersuchungen, und vorläufig
gibt es mehr Fragen als Antworten. Doch können wir bereits in der
jetzigen Phase sagen, daß die Auffassungen über die Familie bei
den Kindern sehr vielseitig sind und unsere Zeit treffend
schildern. Die Gefühlsskala reicht von Zärtlichkeit bis
Ablehnung, enthält Humor ebenso wie bloßes Herumkommandieren.
Liebe, Kinderkriegen, Heirat, Beschaffung der Nahrung und die
Versorgung der Kinder sind die wiederkehrenden Themen. Das
Spektrum ist groß. Aus den Märchen der jüngsten Kinder geht
deutlich hervor, daß die Kinder sich schon frühzeitig der mit
der Familie zusammenhängenden Probleme bewußt werden.
Im folgenden werden sowohl private Situationen einzelner Kinder im
Zusammenhang mit der Familie beschrieben als auch allgemeinere
Auffassungen von Kindern über die Familie. Die Arbeit ist ein
Teil des multidisziplinären Projekts „Kinder erzählen"
von Stakes (Sosiaali- ja terveysalan tutkimus- ja
kehittämiskeskus ['Forschungs- und Entwicklungszentrum für
Sozial- und Gesundheitswesen']. (Riihelä 2001a)
Elternhaus
und Eltern in den Geschichten der Kinder
Im folgenden werden die eigenen Geschichten der Kinder (gesammelt
in den Jahren 1995-2000 in Finnland und in mehreren
Zusammenhängen publiziert) sowie die Erzählungen von Kindern
über ihre Spiele (gesammelt im Jahr 2000 ) dargestellt. Zu Beginn
ein paar Beispiele über die Art, wie Kinder ihre Auffassungen,
die mit der Familie und dem Elternhaus zusammenhängen, schildern.
Vater
und Mutter gingen mit dem Baby zum Arzt. Danach gingen sie,
also Baby, Vater und Mutter zur Oma. Und als sie dann bei der Oma
gewesen waren, gingen sie nach Hause. Dann, als sie zu Hause waren,
brachten sie das Baby zur Tagespflege. Dann gingen Vater und
Mutter zur Arbeit. Dann, als Vater und Mutter von der Arbeit kamen,
da holte der Vater das Baby ab. Und als der Vater das Baby
abgeholt hatte, dann war auch die Mutter schon aus der Arbeit
gekommen. Dann als der Vater nach Hause gekommen war, und die
Mutter schon von der Arbeit gekommen war, ging die Mutter
einkaufen. Nichts anderes.
Julia, 4 Jahre, 6 Monate, erzählt beim Storycrafting in der
Kindertagesstätte (Karlsson 1999a,
136).
Julias Geschichte ist ein Beispiel, wie kleine Kinder über
ihre Familien in ihren eigenen Erzählungen berichten. In der
Geschichte der vierjährigen Julia kümmern sich Vater, Mutter,
Arzt, Oma und Tagesmutter um das Baby. Die Personen der Geschichte
besuchen den Arzt, die Großmutter, die Tagesmutter, die Arbeit
und das Geschäft, um am Ende immer wieder nach Hause
zurückzukehren. Gefühlsregungen erfahren wir nicht, da Julia,
wie kleine Kinder allgemein, selten Adjektive zur Schilderung von
Stimmungen verwendet. Das Storycrafting ist eine Methode, wo, wie
bei allen anderen Geschichten in diesem Aufsatz, der Erwachsene
nach dem Diktat des Kindes die Geschichte aufschreibt. Der
Erwachsene liest dann die Geschichte dem Kind vor, und dieses kann
noch Veränderungen anbringen. Die Geschichte wird danach anderen
Kindern vorgelesen. Im vorliegenden Fall ist sie auch mit Julia
nach Hause geschickt worden. Die Geschichte ist auch
veröffentlicht worden.
Folgende Schilderung eines Spiels stammt von einem achtjährigen
Mädchen, das sie selbst aufgeschrieben hat. Die Schilderung
gehört zu einem umfangreichen Material über Kinderspiele
(Karimäki 2001).
Wir haben eine Prinzessin-Familie. Da gibt es drei Kinder. Es
gibt viele Familien. Dann ist da ein Irrer, der alle Kinder klaut.
Die Mütter versuchen, die Kinder zu retten, und auch die Väter
versuchen das. Der Verrückte ist neidisch und versucht, auch den
König zu stehlen. Dann gibt es Stinky-Omis, die begeistert sind
von dem Irren. Während die Familien draußen spazieren gehen,
schnüffeln sie, ob sie den Geruch der Stinky-Omis riechen. Wenn
sie den Geruch spüren, wissen sie, daß die Omis und der Irre in
der Nähe sind, und sie fliehen in ihre Wohnungen.
Die Schilderung des bereits die Schule besuchenden Mädchens über
das Spiel von einer Prinzessin-Familie mit drei Kindern enthält
zahlreiche Wörter, die die Spannung im Spiel schildern. Diese
Geschichte beschreibt Aktivitäten unter den Kindern, während die
vorangegangene Geschichte einem Erwachsenen und anderen Kindern
erzählt wurde.
Wir wissen nichts über die Familien von Julia und von dem
8jährigen Mädchen. Dagegen wissen wir etwas über das Leben der
9jährigen Siru, die wegen familiärer Probleme in einem
Kinderheim untergebracht wurde. Das folgende Eskimo-Märchen ist
eine von vielen Erzählungen Sirus, wo ein Mädchen sein Zuhause
sucht. Am Ende findet sie immer nach Hause; sie bittet ihre Eltern
um Verzeihung, daß sie sich verlaufen hat.
Eskimo-Märchen
Weit im Norden war ein kleines Dorf, und der Sommer war
gegangen und es wurde Winter. Eines Tages gingen sie fischen, und
das Eskimo-Mädchen wollte mit. Dann gingen sie fischen. Und das
Eskimo-Mädchen zog sich einen Pelz an und lederne Hosen und auch
lederne Fausthandschuhe. Dann legte das Eskimo-Mädchen ihrem Hund
das Geschirr an. Dann zogen sie los, und sie kam auf das Eisfeld/zum
Gletscher. Sie hatte sich von zu Hause verirrt. Dort aus dem Loch
kam Dampf, und dann sah sie die Barthaare eines Walrosses. Und
dann kam der Kopf eines Walrosses zum Vorschein. Das
Eskimo-Mädchen erschrak. Dann sagte das Eskimo-Mädchen etwas
ängstlich: „Wer bist du?" „Ich bin ein Walroß. Du hat
einen Wunsch frei, den verwirkliche ich." Das Eskimo-Mädchen
sagte:" Ich möchte nach Hause." Das Walroß sagte: „Gut,
folge nur diesem Nordlicht." Das Eskimo-Mädchen zog los und
kam ans Ziel. Mutter und Vater-Eskimo umarmten sie, als sie nach
Hause kam. Dann sagte das Eskimo-Mädchen zu seiner Mutter: „
Ich werde nie mehr von zu Hause weglaufen." Schluß.
(Kemppainen & Riihelä 2000, 24).
Siru wurde wegen dieses Märchens bewundert, als das Märchen
dem Vater, der Mutter und den Geschwistern bei einer Beratung im
Zusammenhang mit der In-Obhut-Nahme vorgelesen wurde. Durch die
eigene Erzählung kam zum Ausdruck, was das Kind dachte und konnte.
Siru konnte damals noch nicht lesen und schreiben, und auch das
Sprechen war für sie mit Schwierigkeiten verbunden. Im Kinderheim
hatte Siru des öfteren Gelegenheit gehabt, Märchen zu erzählen,
und so hatte sie bei dem Treffen auch eine Mappe mit ihren eigenen
Märchen dabei. Sirus vielseitige Geschichte mit der
abwechslungsreichen Ausdrucksweise beeindruckte alle. Auf diese
Weise kam Siru durch ihre eigene Erzählung zum ersten Mal selbst
zu Wort bei einer sie betreffenden Besprechung. Auch die Botschaft
des Märchens blieb den Zuhörern nicht verborgen.
Kinder als Informanten
Das Interesse an den Rechten des Kindes und an seinen
Anschauungen hat in der Forschung und in der alltäglichen Arbeit
zugenommen. Dennoch haben die Dinge, über die Kinder sprechen,
die durch sie selbst geschaffenen Informationen also, in der
Sozialforschung allgemein und in den Untersuchungen über die
Familie weiterhin eine recht marginale Stellung (Hermanson, E.
Karvonen S. & Sauli, H. 1998). Unsere Analyse erbrachte zudem,
daß die Kenntnis der Eltern über die Gedanken der Kinder oft
recht gering ist. Ferner läßt sich beobachten, daß man heute
mehr als früher vom Kind verlangt, sich in die Position des
Erwachsenen hineinzuversetzen (Tiller 1997). Da die
Handlungsweisen in der Regel von Erwachsenen vorgegeben werden und
die Kinder Objekt sind, kann das Kind auch schwer sichtbar werden.
Die üblichen Befragungen und Interviews richten sich
hauptsächlich auf die Klärung der Auffassungen und Meinungen
Erwachsener, auch dann, wenn man Informationen über die
Anschauungen von Kindern erfahren will. Erwachsene schaffen oft
Interpretationen sowohl aus ihrem eigenen Blickwinkel als auch dem
der Kinder. Diese Methoden sind nicht so sehr geeignet, die
Gedanken der Kinder zu erreichen. Die von Kindern gebildete
Information pflegt man nicht so ernst zu nehmen wie bei den
Erwachsenen. Josefin, 17 Jahre, sagt in der schwedischen
Anthologie Barnets bästa (Josefin 1997), „die Erwachsenen
hören zwar zu, aber ich glaube nicht, daß sie sich sonderlich
viel darum kümmern, was wir sagen. Sie nehmen unsere Worte nicht
ernst."
Es gibt jedoch auch einige Ausnahmen, Untersuchungen, wo man sich
auf die Gedanken der Kinder konzentrieren möchte. Eine neuere
Dissertation (Innanen 2001) analysiert die Aufsätze von
Gymnasiasten über ihre Erinnerungen an Vater und Mutter. Die
Untersuchung ergab, daß ganz alltägliche Augenblicke etwas
Besonderes werden, wenn nämlich ein Elternteil dem Kind seine
ungeteilte Aufmerksamkeit ermöglicht, indem sie zu zweit sind.
Viele Texte beschrieben als beste Augenblicke in der Kindheit
gemeinsame Filmabende auf dem Sofa zu Hause oder das Einkaufen mit
Vater oder Mutter. Die Möglichkeit, mit Vater und Mutter zu zweit
zu sein, vermittelte das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Diese
Augenblicke inmitten sonstiger Hektik wurden in der Erinnerung der
Jugendlichen zu wichtigen Erlebnissen: sie fühlten sich wohl und
waren glücklich. Besonders wichtig bei den Erinnerungen waren die
alltäglichen Situationen im Zusammenhang mit den Eltern und dem
Zusammensein mit Vater oder Mutter. Die Erzählungen über die
Mutter waren zusammenhängender und positiver ausgerichtet als die
Erzählungen über den Vater. Mutter und Vater wurden auch von
verschiedenen Orten erinnert. An die Mutter erinnerte man sich
häufiger im Zusammenhang mit den alltäglichen Beschäftigungen
zu Hause. Mit dem Vater war man am liebsten beim Angeln zusammen
oder auch sonst bei alltäglichen Verrichtungen, die jedoch nicht
mit der Küche zusammenhingen. Die Forschungsergebnisse sind
möglicherweise dadurch beeinflußt, daß die Themen für die
Vater- und Muttergeschichten nicht ganz identisch lauteten. Die
Gymnasiasten hatten folgende Themen für ihren freien Aufsatz
bekommen: „Empfindsame Momente mit dem Vater" und „Die
besten Momente mit der Mutter". Über die unterschiedlichen
Auffassungen der Kinder über Vater und Mutter wissen wir noch
nichts. Vielleicht haben die etwas abweichenden Überschriften
etwas abweichende Assoziationen geweckt. Das Material wurde in
verschiedenen Schulen gesammelt und unter dem Aspekt des Inhalts
und der Form mit narrativen Methoden analysiert. Es handelte sich
also um Erinnerungen, nicht um aktuelle Empfindungen.
In der Arbeit von Monika Riihelä (2000) wurden die Gedanken und
Handlungsweisen kleiner Kinder in Hier-und-jetzt-Situationen
behandelt. Die Spiele der ein- bis sechsjährigen Kinder und ihre
Aktivitäten untereinander in Erziehungs- und
Unterrichtssituationen in der Tagesstätte wurden auf Video
aufgenommen (14 Stunden). Das Zusammenwirken der Kinder und ihre
Art, Wissen zu produzieren, wurde analysiert und verglichen mit
den Arbeitsmethoden und dem Lernumfeld der Erwachsenen. Die
Untersuchung ergab unter anderem, daß die Kinder dank ihrer
angeborenen sozialen Kompetenz, ihrem Einfühlvermögen und ihrer
reichen Phantasie sehr früh die Formen menschlicher Interaktion
erfassen. Die Kinder erhalten Erfahrungen und produzieren Wissen,
indem sie gemeinsam sich wundern und indem sie mit Gegenständen,
anderen Kindern und Erwachsenen spielen. Die Kenntnisse und das
Wissen der Kinder bleiben den Erwachsenen jedoch oft verborgen.
Die traditionellen Erziehungs- und Unterrichtsmethoden betonen die
aktive Rolle des Erwachsenen auf Kosten der eigenständigen
Aktivität der Kinder. Durch bestimmte Arbeitsweisen wird das Kind
marginalisiert, ja sogar übergangen. In einem Umfeld, wo auf
Gegenseitigkeit Wert gelegt wird, werden die Kinder gehört. Die
Gedanken und Anschauungen der Kinder kommen zum Vorschein, wenn
man ihre Aktivität berücksichtigt. Als z. B. die Gedanken der
Kinder über Wasser und Feuer geklärt wurden, eröffnete sich
für die Mitarbeiter gemeinsam mit den Kindern ein ganz neues
Gebiet, die Naturphänomene zu erforschen. Auf diesem offenen
Forum waren die Erfahrungen und Gedanken aller Beteiligten
willkommen. Initiativen von Kindern beeinflußten ebenfalls die
Tätigkeit, und man suchte auch nach Antworten auf die
persönlichen Fragen der Teilnehmer. Die Arbeit ergab vor allem
bei Einjährigen, daß Wörter und Sprache nur einen kleinen Teil
der Interaktion ausmachen. Wichtiger für die Herausbildung der
Sozialisation sind die Mienen, die Gesten und der Blickkontakt.
Was also denken die Kinder, mit denen wir Erwachsenen zu tun haben?
Fragen
schränken das Erzählen ein
Die üblichste Art und Weise, die Gedanken von Kindern zu
erfahren, besteht darin, ihnen Fragen zu stellen. Die von einem
Erwachsenen gestellten Fragen geben jedoch den von Kindern
gegebenen Antworten eine bestimmte Richtung und schränken die
Möglichkeiten ein. In der Interviewsituation überlegen die
Kinder leicht, welche Antwort den erwachsenen Fragesteller
befriedigen würde, wodurch sie ihre eigenen Gedanken
zurückhalten (Riihelä 1996). Eine Frage schränkt also eine
Antwort stets ein. Können aber Kinder spontan ihre Gedanken
mitteilen?
Es ist durch Untersuchungen nachgewiesen worden, daß die Kinder
von Geburt an sehr sensibilisiert sind, um die Stimmungen eines
anderen Menschen zu erfassen. Sie ergreifen die Initiative und
geben reichlich nonverbale Antworten, um Nähe und Geborgenheit in
der Interaktion mit den sie versorgenden Menschen zu erreichen (u.a.
Silvén & Toikka 1999, 8-10, Stern 1992, 20, Trevarthen 1979).
Diese Resultate über die frühe Sozialität des Menschen geben
uns auch neue Möglichkeiten, damit wir den 12. Artikel des
Vertrags über die Rechte der Kinder (UN 1989) noch stärker
kindbezogen verwirklichen. In dem Artikel heißt es, daß ein Kind,
das seine eigene Meinung bilden kann, gehört werden muß in
Dingen, die es selbst betrifft. Der Text enthält eine Bedingung
hinsichtlich des Alters und des Entwicklungsstandes des Kindes
bezüglich seiner Anhörung. Im Hintergrund dürfte die Annahme
stehen, daß kleine Kinder nicht in der Lage sind, die sie
betreffenden Dinge zu verstehen. Es ist jedoch nicht geklärt, in
welchem Umfang die Unfähigkeit und Ungewohntheit der Erwachsenen,
kleinen Kindern zuzuhören und sie zu verstehen, das Paradigma von
der Unfähigkeit der Kinder aufrecht erhält. In der Forschung und
in der praktischen Arbeit suchen wir nach neuen Formen, um das von
Kindern produzierte Wissen zu berücksichtigen. Für kleine Kinder
ist das Spielen und Erzählen die natürlichste Art der Tätigkeit.
Die Kinder probieren die Realität aus und untersuchen sie.
Erzählend und spielend verarbeiten sie ihre Erfahrungen und
schaffen neue Verbindungen. In ihrer Spielwelt können die Kinder
ihre Hypothesen über die Umwelt und die alltäglichen Ereignisse
behandeln und aufgrund ihrer Erfahrungen eine neue Theorie
schaffen. (Oliveira 1992, Riihelä 2000.)
Da die Kinder Wissen etwas anders produzieren als die Erwachsenen,
ist es wichtig, für sie geeignete Formen der Sammeltätigkeit zu
finden. Indem man ihre Spiele beobachtet, kann man das Wissen der
Kinder und ihre Aufassungen erfahren. Der Aspekt der Kinder kommt
zum Ausdruck in den Spielschilderungen von Kindern (Material
Karimäki) und in den von ihnen selbst geschaffenen Geschichten
(Kemppainen 1998, Kemppainen & Riihelä 2000, Karlsson 2000).
Das
Interviewen von Kindern durch Storycrafting
Um vom Standpunkt des Erwachsenen die Gedanken der Kinder
erfassen zu können, braucht man zweckmäßige Methoden des
Anhörens. Hier hat sich die neue Methode des Storycrafting gut
bewährt (Riihelä 2001b). Die Methode setzt ein offenes Zuhören,
Papier und Stift voraus, nichts anderes. Man bittet das Kind,
gerade ein solches Märchen, eine solche Geschichte zu erzählen,
wie es selbst will. Der Erwachsene schreibt die Geschichte mit
denselben Worten und in der Form auf, wie das Kind sie ausdrückt.
Wenn die Geschichte nach Meinung des Kindes fertig ist, liest der
Erwachsene sie ihm laut vor. Das Kind kann, wenn es will, die
Geschichte korrigieren.
Jede Geschichte ist das Ergebnis der eigenen schöpferischen
Arbeit des Kindes. Der Unterschied zu den eigenen Spielen der
Kinder besteht u.a. darin, daß die Kinder beim Erzählen einander
keine Aufgaben zuteilen wie bei Schauspielen, sondern sie
erzählen allein oder gemeinsam eine Geschichte mit einer Handlung.
Der Erwachsene bringt den Kindern nicht bei, ein Märchen zu
erzählen, sondern er setzt sich hin als Zuhörer und Schreiber.
Diese Methode ergibt eine umgekehrte Interaktion zwischen
Erwachsenem und Kind, verglichen mit dem traditionellen Interview.
In einer solchen Situation fungiert das Kind als Inspirator neuer
Ideen, und die Gedanken des Kindes bringen die Interaktion weiter.
So ein Märchen entsteht rasch auch in der Gruppe. Mit der
allgemeinen Verbreitung des Storycrafting entwickelt jeder Sammler
und jede Kindergruppe eigene Variationen, wie z. B. Themen-,
Mathematik-, Kettenbrief- und Planungs-Storycrafting. Die Methode
wurde in den Jahren 1995-1999 in einem umfangreichen finnischen
und nordischen Projekt namens Satukeikka [Märchenreise] erprobt.
Die Erzählungen der Kinder wurden also aufgezeichnet; die
Bedeutung dieser Erzählkultur wurde noch betont, indem es eine
Märchenkorrespondenz zwischen verschiedenen Ortschaften gab. Auch
weitete sich das Netz weit über die Grenzen Finnlands hinaus aus.
In allen nordischen Ländern wurden die eigenen Märchen der
Kinder bekannt. Sie wurden übersetzt und publiziert. Das Netz
dieser Kindergeschichten erweiterte sich rasch. Heute finden wir
die entferntesten Knotenpunkte in Südafrika und China. Kaija
Kemppainen hat seit Anfang 2001 ein neues Korrespondenznetz mit
Hilfe des Internet eingeführt, die sog. Märchenbrücke zwischen
dem Familienberatungszentrum der Palästinenser in Beirut und der
Familienberatungsstelle der finnischen Stadt Kotka. Kinder und
Erwachsene, die in verschiedenen Kulturen leben, lernen einander
durch diese Geschichten kennen und tauschen Erfahrungen aus.
Indem wir in dem Projekt Satukeikka [Märchenreise] die Kinder
aufforderten, ihre eigenen Geschichten zu erzählen (Karlsson
1999a, 2000), gelang es uns, mit den kleinen Kindern wirklich den
Kern eines „demokratischen" Gesprächs zu erreichen. Wir
konnten zunächst nicht ahnen, daß wir eine reiche Quelle
eigenster Erzählkultur der Kinder gefunden hatten. Das Projekt
zeigte, daß es nicht nur darum ging, die Art und Weise zu klären,
wie Kinder Wissen produzieren, sondern wir lernten auch verstehen,
daß die Kinder durch das Erzählen ihre eigene Kultur schaffen,
wie sie auch beim Spielen eine eigene Spielkultur kreieren. Dank
dem Projekt änderte sich auch unsere Art, mit Kindern umzugehen.
Man konzentrierte sich mehr auf das Zuhören. Es entstanden
wechselseitige Situationen des Zuhörens ohne Bewertung; Tausende
von Kindern wollten ihre eigenen Geschichten mit den Erwachsenen
und anderen Kindern teilen. Durch ihre Geschichten erhalten die
Kinder die Möglichkeit, mit eigenen Worten von ihrer Welt zu
berichten. Diese Methode des Storycrafting ist auch als EU-Projekt
akzeptiert worden, und zwar als ein Instrument, das die mentale
Gesundheit der 0-6jährigen Kinder fördert und prophylaktisch
therapeutisch eingesetzt werden kann (Riihelä 1999).
Es sind über 5000 finnischsprachige und 400 in den anderen
nordischen Ländern erzählte Geschichten auf diese Weise
archiviert worden (im Folklorearchiv der Finnischen
Literaturgesellschaft). Der jüngste Erzähler war 8 Monate alt,
der älteste 15 Jahre. Keine Geschichte ist identisch mit der
anderen. Jede hat etwas Einzigartiges. Ein Teil dieser Geschichten
ist auch publiziert worden, und zwar in der Zeitschrift Lasten
Satulehti (Riihelä 1996-1998) sowie in den Märchenbüchern Kissa
lähti kävelylle ja hiiripiiri (Kemppainen 1998), Voitko olla? E
du me mej? (Kemppainen & Riihelä 2000) und Pättäni
(Kemppainen 2001). Die eigene Erzählkultur der Kleinkinder ist in
Untersuchungen analysiert worden (Terkki 1997, Rutanen 1997, 1999,
Narvanto & Törmänen 1999, Karlsson 2001).
Über die
Auswirkungen der neuen Methode
Die Methode des Storycrafting beruht auf einem dynamischen
Wissensbegriff und enthält die Annahme, daß es stets mehrere
Aspekte gibt, das Wissen zu betrachten, und daß jede Person, auch
ein Kind, die Dinge durch eigene Erfahrungen sieht. Zu diesem
Wissen gehören die Erfahrungen, die Phantasien und auch die
logischen Schlußfolgerungen (Järvilehto 1996). Dieses Wissen
setzt sich zusammen aus dem üblichen und alltäglichen Wissen
sowie auch aus Phantasievorstellungen. Die Welt ist allen
gemeinsam, aber was jeder davon erfährt, bildet die Unterschiede.
Die in einer Geschichte verborgene Information enthält stets auch
ein Geheimnis des Erzählers. In der Situation des Erzählens
erhält der Erzähler ein Echo auf seine eigenen Gedanken, indem
die Geschichte aufgeschrieben wird und der Hörer sich bereit
erklärt, sie weiterzuführen, indem er sie mit seiner eigenen
Stimme liest. Dieser Augenblick läßt ein gemeinsames Vertrauen,
eine geteilte Erfahrung entstehen. Erzähler und Hörer, Informant
und Forscher, Schüler und Lehrer stehen sich nicht konfrontiert
gegenüber, sondern sie sind beide gleich wichtig. Die Anwesenheit
führt zu einem Zustand der Begeisterung, der Einsicht und der
Zeitlosigkeit. Die am Projekt beteiligten Mitarbeiter berichteten
in der Analyse, daß sie durch diese Methode wirklich gelernt
haben, den Kindern auf neue Art und Weise zuzuhören. Sie hatten
auch das Gefühl, mehr Zeit zu haben: die Hektik in der eigenen
Arbeit ließ nach. Sie beteiligten die Kinder an der Planung der
Arbeit und entwickelten Arbeitsmethoden zur Betonung der
Aktivität der Kinder.
Auch die Kinder hatten einen Vorteil von der neuen Methode. Die
stillen Kinder wurden ermutigt, über ihre Gedanken zu berichten,
und die lebhaften erhielten einen neuen Kommunikationskanal für
ihre wilde Phantasie. Auch Kinder mit Sprechstörungen fanden
Interesse an den vielen Formen der Ausdrucksmöglichkeiten und
entwickelten sich zu begeisterten Erzählern (Kemppainen 2001). In
der Kinderschutzarbeit erfuhren die Familien, wie eigene
Geschichten ihrer Kinder integrierend und harmonisierend wirken
können.
Die Mitarbeiter des Projekts griffen auch in der Zusammenarbeit
mit den Eltern zu neuen Arbeitsweisen. Die Erzählungen der Kinder
schienen auch für die Eltern oft neu zu sein. Zu Hause hat man
sie vor diesem Projekt selten aufgezeichnet. Die Fähigkeiten und
das Geschick der Kinder erstaunte die Eltern häufig. Die Gedanken
der Kinder kommen selten zum Ausdruck in den Familien, auch nicht
in der Kinderpolitik, ebensowenig in der Untersuchung oder in den
Einrichtungen, wo die Kinder ihre Tage verbringen. Die
Untersuchung von Liisa Karlsson (1999a, 136-138) ergab, daß die
Eltern „interessiert waren zu erfahren, wie ihr Kind Märchen
erzählt"; das Projekt wurde von den Eltern als eine Freude
empfunden. Eine Mitarbeiterin in der Kindertagesstätte sagte: „Ich
habe bemerkt, daß der größte Teil der Eltern sich freut, wenn
man ihnen die Märchen der Kinder mitgibt. Ein kleiner Teil
erwartet, daß die Märchen der Kinder bessere Qualität hätten."
Eine andere Mitarbeiterin meinte: „Die Eltern nehmen überhaupt
nicht Stellung." „Bei einigen Familien merkt man, daß sie
an der Sache interessiert sind. In meiner Gruppe kam der Gedanke
auf, die Geschichten zu Hause aufzuzeichnen. Niemand hat eine
kritische Einstellung eingenommen. Die Zusammenarbeit hat etwas
Neues gewonnen." Eine Lehrerin aus der Schule berichtete: „
Die Eltern haben die Märchen aufgezeichnet und haben die Kinder
angespornt. Sie haben gefragt, wie das Projekt vorangeht, sie sind
von der Idee begeistert und warten gespannt auf die Fortsetzung."
In einigen Kindertagesstätten wurden die Gespräche mit den
einzelnen Familien mit einer Erzählung des betreffenden Kindes
begonnen. So konnten die Kraftreserven des Kindes eingebracht
werden, und dessen eigene Stimme konnte gleich zu Beginn des
Treffens gehört werden. Die Mitarbeiter sagten aus, daß auf
diese Weise das Treffen einen positiven Anfang nahm und das
Gespräch, verglichen mit früheren Erfahrungen, viel
ertragreicher war. In einer Klasse enthielt das Weihnachtszeugnis
auch die eigene Erzählung des Kindes.
Die Erzählungen der Kinder waren auch den Eltern zugänglich. Es
wurden Bücher zusammengestellt, die die Eltern z. B. zu
Weihnachten oder am Vatertag als Geschenk erhielten. Die von
Kindern zusammengestellten Märchenbücher konnten nach Hause
ausgeliehen werden, und es wurden immer neue Erzählungen
hinzugefügt, sowohl zu Hause als auch in der Kindertagesstätte.
In einer Tagesstätte waren die Kinder in 4 Gruppen eingeteilt
worden, wo sie jeweils Gruppenmärchen verfaßten. Beim
Frühlingsfest wurden die Geschichten dann von den Erwachsenen
vorgelesen. Eine Märchenpädagogin schrieb: „Die Kinder fanden
es lustig, gemeinsam zu erzählen. Beim Frühlingsfest fanden es
sowohl die Kinder als auch die Eltern besonders unterhaltsam, die
Geschichten zu hören, denn die Kinder hatten ja die Märchen der
anderen Gruppen früher noch nicht gehört."
An einer anderen Stelle wurde einmal ein Märchenelternabend
veranstaltet, wo die Eltern die konkrete Gelegenheit hatten zu
sehen, wie das Erzählen vor sich geht. Die Anwesenden ließen
sich paarweise Geschichten erzählen. Eine Mitarbeiterin erinnert
sich: „Die Eltern erzählten jetzt ganz andere Märchen als die
mit dem Anfang Es war einmal; sie erzählten jetzt von ihrem
schweren Weg zur Arbeit oder von lustigen Freizeitgestaltungen.
Sie waren ebenso ungeduldig wie die Kinder, die Märchen der
anderen zu hören und waren auf ihre eigenen ganz sichtlich stolz.
Diese Erfahrung war für die Eltern wichtig. Erst nach dem
konkreten Märchenerzählen wurde ihnen klar, was es damit auf
sich hat. Auf diese Weise war das Interesse geweckt, und es kamen
Fragen über Fragen."
Die Erfahrungen der Mitarbeiter an einem anderen Ort zeigten, daß
die größte Veränderung während des Projekts die aktivere
Beteiligung der Eltern war. Ein Teil der Eltern ließ ihre Kinder
häufig Märchen erzählen. „Vielleicht wuchs das Interesse der
Eltern, als sie die Projektveröffentlichung (Lasten Satulehti)
sahen", vermutete eine Kindergärtnerin. Wie sich der
Erwachsene durch die Erzählung eines Kindes angesprochen fühlt,
hängt weitgehend davon ab, wieviel gemeinsame Erfahrungen
Erwachsener und Kind haben, wieviel Zeit sie gemeinsam verbringen.
Im folgenden die Gedanken einer Mutter, als sie ihre eigene
Tochter erzählen ließ.
Eine Mutter
über das Storycrafting
Pinja, sechs Jahre alt, erzählte ihrer Mutter zu Hause ein
Märchen namens Der Mensch und die Kinder. Es wurde ein langes
Märchen mit vielen Seiten. Die Mutter berichtete über ihre
Gedanken: „Am Sonntagmorgen, nachdem Pinja wach geworden war,
ging ich zu ihr ins Bett und sagte, ich wollte ihr Märchen
aufschreiben. Pinja antwortete, daß sie ein ganzes langes Buch
machen wolle. Pinja schickte mich nach viel Papier und sagte, ich
solle zu ihr ins Bett zurückkommen. Wir fingen morgens um 8 Uhr
an. Pinja entschied, wann eine neue Seite zu beginnen hatte. Sie
wollte das Märchen so lange weitererzählen, bis der große Stoß
von weißem Papier gefüllt war. Bei der ersten Seite schlug ich
vor, daß etwas freibleiben sollte für ein Bild. Das fand auch
Pinja gut, und dann entschied sie bei jeder Seite, daß dort ein
Bild hinkommen und wieviel Text aufgeschrieben werden soll. Als
der große Bruder zwischendurch nachschauen kam, teilte Pinja mit,
auf welcher Seite sie gerade war. Pinja erzählte das Märchen in
einem fort bis zum Ende. Nach anderthalb Stunden war das
Märchenbuch fertig, obwohl noch einige Blatt Papier leer
übrigblieben. Zum Schluß begann Pinja mit dem Zeichnen der
Bilder. Das tat sie richtig mit Andacht. Zu Beginn fragte sie, was
auf der ersten Zeile jedes Zettels steht, und dann begann sie mit
der bunten Zeichnung. Zwischendurch aß sie ihr Frühstück. Dann
mußte sie auch rausgehen, weil die Sonne so herrlich schien.
Nachdem sie wieder hereingekommen war, fuhr sie mit dem Zeichnen
fort. Um fünf Uhr war das Märchenbuch fertig. Die Cousins und
Cousinen kamen mit Mutter und Vater zu Besuch. Pinja zeigte den
Erwachsenen ihr Buch. Auf ihre Bitte las ich den Kindern und den
Erwachsenen das neue Märchenbuch vor." (Karlsson 1999b)
Die Kinder
als Kraftreserve der Familie
Indem sie ihre Geschichten erzählen, wirken die Kinder mit
ihren Gedanken auch direkt auf die in der Familie herrschende
Dynamik ein. Bei Familienproblemen konzentrieren sich die
Erwachsenen auf die Probleme, während das Kind Phantasie und
Wirklichkeit verbindet und versucht, mit seinem Märchen ein
energisierendes Einverständnis zu erzielen. Als nächstes folgt
eine Geschichte, die einer Sozialarbeiterin erzählt wurde. Die
Mutter und ihre sechsjährige Tochter, eine Familie, die der
Fürsorgerin bekannt war, kamen aufs Sozialamt. Die Mutter wollte
der Expertin viel erzählen, doch das Mädchen unterbrach das
Gespräch der Erwachsenen immer wieder, indem es in die Schubladen
schaute, die Papiere durchblätterte und die Tastatur des
Computers ausprobierte. Das Mädchen wollte Aufmerksamkeit
erzielen, und die Sozialarbeiterin versprach, daß sie bei ihrem
Hausbesuch das Mädchen eine Geschichte erzählen lassen werde,
wenn sie nur jetzt die Erwachsenen eine Weile in Ruhe läßt. Das
Mädchen hörte sofort mit dem Stören auf und saß ganz ruhig da
und wartete. Zum Abschluß des Treffens wurde der Zeitpunkt des
Hausbesuchs vereinbart. Nach ein paar Tagen klingelte die
Sozialarbeiterin an der Haustür des Mädchens. Das Mädchen kam
und öffnete. Sie hatte sich das Sonntagskleid ihrer großen
Schwester angezogen - der Saum berührte den Fußboden. Das Haar
war festlich gekämmt. Die Mutter berichtete, wie das Mädchen
viele Male am Tag gefragt habe, wann diese Tuula nun komme,
wieviel Nächte sie noch schlafen müsse, bis Tuula kommt. Tuula
ging zu dem Mädchen, setzte sich auf ihr Bett und die Mutter
schaute weiter fern. Nun begann das Mädchen mit seinem Märchen.
Das erste Märchen war kurz und somit schnell aufgeschrieben. Das
zweite Märchen behandelte Dornröschen und war ein wenig länger.
Am Ende des Märchens weckte Philippus die Prinzessin auf. Als
aber Tuula das Märchen vorlas, damit die Erzählerin es
korrigieren könne, erinnerte sich das Mädchen, dass derjenige,
der Dornröschen weckt, nicht Philippus hieß, sondern Philipp.
Die Sozialarbeiterin hatte von dem gesprächigen Kind ein viel
längeres Märchen erwartet. Diese Geschichten aber paßten auf
eine halbe Seite. Nach dem Erzählen gingen das Mädchen und die
Sozialarbeiterin zur Mutter, damit auch sie die neuen Märchen
hörte. Als die Mutter die Märchen hörte, kamen ihr die Tränen.
Schließlich nahm sie das Mädchen auf den Schoß, umarmte sie und
sagte immer wieder, wie schöne Märchen ihre Tochter doch
erfunden habe. Die Sozialarbeiterin berichtete nachträglich, daß
auch das Verhalten der Mutter sich geändert habe und sie nun mehr
auf ihr Kind einginge und besser zuhöre (Riihelä 2000, 141-142).
Die Eltern
und die Spiele der Kinder
Die Einstellung gegenüber den Spielen der Kinder ist recht
uneinheitlich. Der Erwachsene kann das Spiel und die Aktivität
der Kinder oft schwer einschätzen, ohne daß er die Wirkung
hinsichtlich der Entwicklung des Kindes bewertet. Das Spiel gilt
gleichsam als Übung des richtigen Lebens, so daß der eigentliche
Nutzen später realisiert wird. Was tatsächlich beim Spielen
geschieht, wird seltener für wichtig gehalten. Auch das
Forschungsmaterial von Karimäki (2001) ist ein gutes Beispiel
hierfür. Die analysierten Spielgeschichten zeigen, daß die
Eltern kaum etwas wissen über die Spiele ihrer Kinder, wenigstens
nicht über deren Inhalt. Die Kinder selbst sind der Meinung, daß
die Eltern nicht daran interessiert sind, was ihre Kinder tun,
geschweige denn, was sie spielen. Die an der Untersuchung
beteiligten Kinder haben in der Regel ihren Eltern nicht auf
eigene Initiative von ihren Spielen berichtet. Auf die Frage der
Interviewerin, was die Eltern der Jungen über ihr Spiel „Normales
Leben" meinten, antworteten sie: „Bist du verrückt, die
wissen von nichts, die glauben, daß wir Fahrradfahren sind."
Das Spiel bedeutet für das Kind oft etwas so Eigenes, daß es das
nicht mit einem Erwachsenen teilen will. Beim Spielen ziehen die
Kinder sich manchmal in ihr eigenes Zimmer zurück, wo es die
Eltern nicht mehr hören können. Sie möchten Ruhe zum Spielen.
Nach Meinung des Kindes gehört das Spiel in die Welt des Kindes
und nicht des Erwachsenen. Die Realität des Spiels existiert oft
nur für das Kind. Diese Realität soll geschützt werden, und
dazu gehört es, daß man den Eltern nichts davon erzählt.
Andererseits waren die Kinder begeistert und erfreut über das
Interesse der Interviewerin an den Spielen. Sie berichteten gern
davon, empfanden sich als Experten darin.
Man hat das Spielen auch als für die Kinder typische Tätigkeit
untersucht, von der die Erwachsenen ausgeschlossen sind (Ariés
1962). Die gesellschaftliche Marginalität ist somit in unserem
modernen Begriff vom Spiel eingebaut und spiegelt sich im
Verhalten der Erwachsenenwelt zu den Kinderspielen wider. Man darf
jedoch nicht vergessen, daß die Erwachsenen und die Kinder nicht
nur in getrennten Welten leben, sondern auch ein- und diesselbe
Welt teilen.
Das
Themeninterview als Sammelmethode von Kinderspielen
Das im vorliegenden Aufsatz analysierte Forschungsmaterial der
Phantasie- und Rollenspiele (Karimäki 2001) ist mittels
thematischen Schreibens bei 7-12jährigen Schülern in Helsinki
und Tallinn gesammelt worden. Ein Teil der Kinder berichtete
außerdem in Paarinterviews über ihre Spiele. In vielen
Untersuchungen wird die Befürchtung geäußert oder zu verstehen
gegeben, daß die Spiele inhaltlich verarmen oder sogar ganz
aufhören (s. Kalliala 1999). Das von Karimäki gesammelte
Material von über 1500 Spielschilderungen zeigt, daß die Spiele
durchaus nicht inhaltlich arm oder im Verschwinden begriffen sind,
sie sind nur vor den Blicken der Erwachsenen verborgen und leben
in der Realität des Kindes, in seiner Welt. Der Reichtum und die
Vielfalt der Kinderspiele kommen auch zum Ausdruck in der
überregionalen Sammlung von Spieltraditionen, die im Jahr 1998
von der obersten Schulbehörde Finnlands und der Finnischen
Literaturgesellschaft durchgeführt wurden. Die Kinder wurden
damals gefragt, ob sie in den Pausen spielen. Die Umfrage wurde
beantwortet von 10-13jährigen, die von ihren eigenen Spielen
berichteten; auf diese Weise konnten über 2500 verschiedene
Spielschilderungen archiviert werden (Hatakka 1999).
Die Voruntersuchung von Reeli Karimäki (2001) ergab, daß die
Fragebögen nicht auf die gewünschte Weise funktionierten, da sie
offenbar das Kind passiv machten und die Spielschilderungen
verflachten. Die Anleitung für das thematische Schreiben wurde in
jeder Klasse mündlich vor Austeilung der Antwortpapiere gegeben:
„Beschreibe ein Spiel, das du selbst in der letzten Zeit
gespielt hast! Wenn du oder Freunde von dir ein Spiel erfunden
haben, dann erzähle davon! Beschreibe das Spiel so, daß die
Handlung, die Idee daraus hervorgeht, wie, wo, womit und mit wem
gespielt wird! Erzähle auch, ob man das Spiel später
weiterspielen kann, wenn es unterbrochen wird. Wenn das Spiel
einen Namen hat, dann schreibe den als Überschrift!" In
Tallinn wurde diese Anweisung auf Estnisch gegeben.
Wie beim Storycrafting wurden auch hier beim thematischen
Schreiben anstelle der Fragen die Kinder aufgefordert zu erzählen.
In der Spielforschung beschränkte sich die Aufforderung zum
Erzählen auf das eigene Spiel des Kindes, während bei der
Grundform des Storycrafting diese Aufforderung nicht beschränkt
wird, sondern die Kinder frei über ein beliebiges Thema berichten
können.
Mit dem Interviewen von Kindern hängen ethische Probleme zusammen.
Es hängt weitgehend vom Verhältnis zwischen Interviewer und
Interviewtem ab, wie sich das Material und damit auch die
Resultate gestalten. Das Wichtigste ist, das Kind zum Sprechen zu
bringen. Man muß mit den Kindern gut auskommen. (Kalliala 1999,
72). Ein natürliches Verhalten und ein echtes Interesse am
Verfahren und an den Informanten erhöhen das Vertrauen. Das Kind
muß das Gefühl erhalten, daß es ein wichtiger Interviewpartner
ist und daß gerade seine Angaben neu und von Bedeutung sind (Tiller
1988). Je freier die Formen zur Beschaffung der Informationen sind,
umso mehr erinnert das Verhältnis zwischen Frager und Befragtem
an die Interaktion im alltäglichen Leben.
Der persönliche Kontakt zu den Informanten ergab sich für die
Interviewer beim Materialsammeln in allen Schulklassen. Die Kinder
hatten eine Unterrichtsstunde Zeit für die Niederschrift. Nach
dieser Niederschrift der Spielbeschreibungen kamen die Kinder und
unterhielten sich mit der jeweiligen Leiterin über ihre Spiele.
An dieser Untersuchung beteiligten sich in Helsinki 503 Schüler,
davon 267 Mädchen und 236 Jungen. Das Material umfaßt 1311
Erwähnungen oder Schilderungen von Spielen, wovon 657 von
Mädchen und 454 von Jungen geschrieben sind. In Tallinn
beteiligten sich an der Untersuchung 297 Kinder, davon 161 Jungen
und 132 Mädchen. Die Kinder aus Tallinn schrieben über 500
Spielbeschreibungen nieder.
Es fiel den Kindern nicht schwer, Spiele zu erfinden, worüber sie
schreiben konnten. Offenbar fanden sie an der Aufgabe Gefallen:
„Ich mag immer noch spielen. Ich finde das prima, obwohl ich
schon 11 Jahre bin, aber das kann man in unserer Klasse nicht laut
sagen, denn alle sind so cool." In einigen Klassen war
allerdings zuerst zu hören: „Wir spielen überhaupt nichts!"
Der jeweilige Leiter appellierte dann an die Kinder, indem er
ihnen sagte, daß es in der Tat für ihn sehr wichtig ist, etwas
über die Spiele zu erfahren und daß niemand anders in der Schule
die Papiere lesen wird. Danach begannen alle mit einigen Ausnahmen
zu schreiben. Bei der Abgabe der Papiere kamen von größeren
Kindern auch Kommentare folgender Art: „Wohin soll ich dieses
Schandpapier tun?" „Das darfst du aber den anderen in
unserer Klasse nicht zeigen, sonst sterbe ich!"
Thematische Interviews bildeten einen anderen Teil der
Materialsammlung. Das thematische Interview war eine der
wichtigsten Sammelmethoden der folkloristischen Untersuchung
(Jauhiainen 1982, 181). Thematische Interviews sind auch in der
Jugend- und Kinderforschung viel eingesetzt worden (z. B. Kalliala
1999, Aapola 1992, Puuronen 1995, Saarikoski 1996). Die mit dieser
Spielforschung zusammenhängenden Gedanken der Kinder über das
Verhalten der Eltern zu den Spielen wurden bei thematischen
Interviews gesammelt. Die Kinder wurden paarweise interviewt. Die
thematischen Interviews sind flexibel, und die Alternativantworten
sind nicht im voraus eingeschränkt. Während des Interviews
können die Interviewten auch ihre eigenen Themen vorbringen und
die für sie wichtigen Dinge und Themenkreise hervorheben. Ein
semistrukturiertes Interview ist als Gespräch definiert worden (Kvale
1996, 5-6), dessen Zweck es ist, Schilderungen zu bekommen, die
aus dem Lebenskreis des Interviewten zu deuten sind. Der Leiter
stellt das Thema des Interviews vor und beschließt, wie aufgrund
der Antworten der Interviewten weiter vorgegangen wird. Außer der
klaren Zweckorientiertheit sind diese Gespräche auch
außerordentlich flexibel. In Helsinki nahmen 82 Kinder an diesem
Interview teil. In Tallinn wird im Herbst 2001 mit den Interviews
begonnen werden.
Die
Märchen und Spiele der Kinder als Forschungsobjekt
Die Berichte der Kinder über ihre Spiele zeigen, daß diese
Spiele in Wirklichkeit mehrere Ebenen haben. Sie werden als Spiel
empfunden; für die Zeit des Spiels sind sie Realität. Das Spiel
ist also ein begrenzter Teil der Wirklichkeit, in gleicher Weise
wie die Wirklichkeit im Märchen nur in der Märchenhandlung
wirklich ist. Wenn man die Wirklichkeit des Spiels oder des
Märchens verneint, zerstört man die eigene Kultur der Kinder.
Wenn die Kinder erzählen oder zusammen spielen, dann teilen sie
die Wirklichkeit des Märchens und des Spiels und die gemeinsame
Illusion. Damit das Spiel fortgeführt werden kann und sich eine
Handlung ergibt, müssen die Vorstellungen der Spielenden einander
genügend gut entsprechen. Damit die Geschichte die Hörer
anspricht, braucht man in der Situation ein Einvernehmen zwischen
Erzähler und Hörern.
Das Märchen und das Spiel der Kinder sind ein untrennbarer Teil
jener Kultur, in der sich diese Geschichten herausbilden. Sie
entstehen als ein Teil eines bestimmten kulturellen Hintergrundes,
sie verwerten Bedeutungssysteme und Symbole. Gleichzeitig aber
bilden sie eine eigene besondere Teilkultur. In die
Phantasiespiele wie auch in die eigenen Märchen bringen die
Kinder stets wenigstens zweierlei Wissen ein: Ihre eigenen
Auffassungen u.a. über die Personen der Geschichte, ihre
Handlungsweisen und die Situationen sowie das, was sie selbst
über die alternierenden Regeln des Spiels und entsprechend über
die Struktur der Märchen verinnerlicht haben. Es ist jedoch weder
für das Spiel noch für die Handlung des Märchens signifikant,
ob die Ausgangspunkte und die Ereignisse aus der Welt der Fiktion
oder Phantasie stammen oder ob sie aus der gemeinsamen Welt der
Kinder und Erwachsenen, aus der realen Welt der Kinder kommen oder
ob es sich um vielseitige Kombinationen daraus handelt. Der Inhalt
der Spiele und der Geschichten der Kinder gibt die Dinge wieder,
über die sie nachdenken und die sie bewegen. In beidem sind ihre
Auffassungen über die unterschiedlichsten Erscheinungen enthalten.
Die Wirklichkeit von Spiel und Märchen ist eine gemeinschaftliche,
sie liegt außerhalb des Individuums, ist jedoch dennoch nicht
identisch mit der Außenwelt. In dieser Zone sammelt das Kind
Gegenstände und Erscheinungen aus seiner Umwelt und verwendet sie
beim Spielen, indem es die Eindrücke der persönlichen und der
äußeren Wirklichkeit verbindet. Die Wirklichkeit des Spiels
dauert für die Zeit des Spielens, so wie die Welt des Märchens
für die Dauer der Geschichte wahr ist.
Die
vielen Formen des Mutter- und Kindspiels und des Familienmärchens
Die genannten umfangreichen Märchen- und Spielmaterialien
behandeln allerlei Themen. Von den bislang analysierten Märchen
(500) und Spielberichten (1000) behandelt ungefähr 1/5 die
Familie und Angelegenheiten, die mit dem Haus oder Heim
zusammenhängen. Die übrigen Themenkreise sind abenteuerlicher;
in ihnen werden die gleichwertigen Beziehungen zwischen Freunden
und Spielgefährten betont. Die Kinder kennen Tausende von
verschiedenen Arten, das sog. Zuhause-Spiel (auch Mutter- und
Kinderspiel oder Mutter-Vater-Kind-Spiel genannt) zu spielen.
Diese Vielfalt hat die bleibende Beliebtheit dieses Spiels
garantiert. Das Zuhause bzw. die Familie steht dabei stets im
Mittelpunkt. Allerdings sind menschliche Figuren nicht unbedingt
notwendig, sondern man kann die Personen auch austauschen, etwa
gegen Figuren aus sog. Ü-Eiern (=
Kinderschokolade-Überraschungseier), gegen kleine Tiere, Steine,
Trolle, Superbälle oder Kuscheltiere.
Auch das Umfeld bei diesen Zuhause-Spielen wechselt vom Bauernhof
bis zum Wohnwagen, von der Venus bis zum Haus der Prinzessin.
Wesentlich ist die Funktionaliät des Spiels. Der Ort des Spiels
befindet sich dort, wo das Spiel am natürlichsten hinpaßt. Die
Kinder kreieren die Orte oder Reviere des Spiels fiktiv im
physischen Kontext, so daß die Orte der Spiele nicht eindeutig
von sonstigen Räumen getrennt sind, sondern sie entstehen an
bestimmten Stellen je nach Notwendigkeit.
Der Bauernhof (10jähriges
Mädchen)
Dieses Spiel wird draußen gespielt. Man braucht dafür viele
Steine, Kuscheltiere, Baumzweige, Moos, Kastanien, Eicheln und
alles mögliche. Man spielt es folgendermaßen. Aus den Steinen
werden die Grenzen gemacht, aus den Baumzweigen eine Hütte/ein
Zelt, das Moos gibt den Fußboden. Das Essen und die Tiere sind:
Kastanie ist die Kartoffel, die Eicheln sind die Mohrrüben, die
Zapfen sind die Hähne und die Hühner, die Eicheln sind die Eier.
Wir machen auch einen Markt. In dem Spiel findet sich alles, was
allgemein auf einem Bauernhof oder zu Hause da ist. Wir sind
sieben Kinder, die wir dieses Spiel spielen. Man kann es aber auch
allein oder zu zweit spielen, und es können auch mehr Personen
daran teilnehmen. Die Namen der Spielenden sind: Kärt, Liina,
Jaanika, Jaana, Hedwi, Gregor und ich. Nur ein Junge ist bei dem
Spiel dabei, nämlich Gregor. Wir spielen das im Sommer. Immer
dabei sind Liina und ich sowie mein Spielzeug die Giraffe und die
Biene. Wir haben dieses Spiel selbst erfunden.
Der Wohnwagen als
Zuhause (11jähriges Mädchen)
Ich weiß nicht mehr genau, was ich als letztes gespielt habe,
aber ungefähr vor einem Jahr haben wir mit meiner kleinen
Schwester so etwas gespielt, daß ich die Mutter war oder die
große Schwester und meine Schwester war die Schwester und die
Babyborn-Puppe „Jenna" war das Baby. Wir spielten, daß das
Bett der Wohnwagen war und wir haben alle möglichen Sachen
eingeladen. Wir sind vor „Baby-Dieben" geflohen und haben
ihre Stimmen nachgemacht. Einmal kamen sie zu Besuch und wir
versteckten „Jenna" unter der Decke und bald sind sie
wieder abgezogen. Immer in der Nacht haben wir die Sachen gesucht.
Wir haben dieses Spiel auch einige Male früher gespielt.
Allgemein fand sich „Jenna" im Wald, wenn meine Schwester
dort nach Gegenständen suchte. Sie hörte das Baby weinen und
brachte es dann in das „Auto", und so ging es weiter.
Manchmal war das Baby die kleine Schwester von uns beiden, und
unsere Mutter war gestorben, oder dann war ich die große
Schwester meiner Schwester, und ich hatte ein Baby.
Beim Spiel über das Leben auf der Venus erzählen die Kinder,
daß sie mit Ufos das Zuhause-Spiel spielten und auch auf andere
Planeten gingen.
Irgendwo gibt es einen fernen Planeten, wo die Ufos zu Hause
sind. Das ist deren Heim. Der Planet heißt Venus (und die Ufos
sind Kinderschokolade-Überraschungen). Wir spielen draußen und
drinnen. Draußen suchen wir einen Platz mit viel Gras und die
schlafen dann dort. Meistens haben wir eine bestimmte Stelle. Da
ist dann eine Pfütze daneben und da schwimmen die. Dann haben wir
auch Krokodile mitgenommen, die von der Erde ins All gekommen sind.
Dann leben sie!
Das Haus der Prinzessin
Als ich klein war, spielten wir ein solches Zuhause, wo ich die
Prinzessin war und reich, und ich gab der Mutter und dem Vater
irgendwelche Schätze, weil ich so spielte, daß Mutter und Vater
arm waren. Wir spielten mit den Kusinen draußen und dann bauten
wir Hütten und aßen Beeren und die Rinde von Kiefer und Fichte.
Wir glaubten, daß die Rinde Brot war und die Zapfen Wurst. Die
Vorhänge machten wir aus Fichtenzweigen. Aus Steinen die Öfen
und die Toiletten.
Die Familie
in den Spielen der Kinder
Bei den genannten Spielen bildet die Grundeinheit für die
Kinder im Tagesstättenalter Mutter und Kind (u.a. Strandell
1995); die Familie kann jedoch abhänging vom Interesse der
Spielenden auch durch Geschwister und Tiere bereichert werden,
oder durch Großeltern, mitunter sogar auch durch den Vater. Die
Mädchen spielen eindeutig lieber solche Spiele als die Jungen.
Unter Mutter- und-Kind-Spielen hat man traditionell (Kalliala
1999) die Spiele subsumiert, bei denen die Kinder und Puppen
Familienmitglieder sind, die gemeinsam Situationen des Alltags
erleben. Kinder im Schulalter erweitern die Spiele dann gern, so
daß sie mehrere Familien und Sippen umfassen, wie das Material
von Karimäki zeigt. Die Phantasiespiele spiegeln die Welt der
Erwachsenen so wider, daß einige Charakteristika überspitzt
wiedergegeben werden, während andere vergessen werden.
Noch im vergangenen Jahr habe ich mit meiner Cousine mit
Barbies gespielt (jetzt 11 1/2 Jahre). Obwohl wir weit voneinander
entfernt wohnten, haben wir uns wenigstens einmal im Monat gesehen.
Jedes Mal spielten wir mit Barbies. Wenn wir neue Barbies bekommen
hatten, nahmen wir sie mit. Wir bauten Häuser und Autos für sie.
Wir erfanden Namen und begannen zu spielen. Beide hatten eigene
Barbiefamilien, zu denen die Mutter, ein bis zwei Schwestern und
ein bis zwei kleine Schwestern sowie Heimtiere gehörten. Die
Familien waren reich. Die Väter waren im Ausland immer auf
Dienstreise. Manchmal kamen Wirbelstürme oder Überschwemmungen
oder sogar Erdbeben. Die Barbies wohnten allgemein in Kalifornien
oder New York. Die Barbies hatten Küchen und alle möglichen
kleinen Sachen. Mit Hilfe der Phantasie erfanden wir für die
Barbies alles mögliche zu tun. Das Bett z. B. verwandelte sich in
ein Schwimmbassin und der Fahrradhelm in ein Raumfahrzeug. Wir
improvisierten die Gespräche, manchmal wurde das Spiel zu einem
Gespräch darüber, was wir alles haben wollten. Manchmal
vergingen mit der phantasievollen Einrichtung des Barbiehauses
sogar zwei Stunden.
Das Interview ergab, daß eins der Vorbilder für dieses
Barbiespiel die amerikanische Fernsehserie Schön und reich war.
Wie jedoch aus obiger kurzer Schilderung zu schließen ist, ist
das Spiel durchaus nicht voller dramatischer menschlicher
Beziehungen, sondern zusätzlich zu alltäglichen normalen
Situationen kommen anders als in der Fernsehserie Abenteuer,
Veränderungen, plötzliche Wendungen und fröhliches Zusammensein
vor. Die Mutter und die Kinder mit ihren Heimtieren bilden den
Kern der Familie, während die Väter immer auf Dienstreise sind.
In der Familie wird miteinander gesprochen und man geht
Freizeitbeschäftigungen nach. Viel Zeit wird auf die Einrichtung
des Zuhauses verwendet.
Die schulpflichtigen Kinder spielten das Spiel auch so, daß sie
für sich selbst Rollenfiguren wählten. Im folgenden Spiel haben
zwei elfjährige Jungen aus Helsinki das Zuhause-Spiel so
erweitert, daß es die ganze Stadt umfaßt, doch nach ihren
eigenen Worten spielten sie Zuhause, so ein ganz normales Leben.
Dieses Spiel ist in keiner Weise exzeptionell, sondern andere
gleichaltrige Spielgefährten haben ein ähnliches Spiel. Im
folgenden ein Ausschnitt aus dem Interview.
Im Stadtteil Pikku-Huopalahti gibt es eine Baustelle, an sich
ist es der Hinterhof einer Tankstelle, wo
wir immer „Zuhause" spielen. Auf dem Parkplatz hatten
wir Einkaufswagen aus dem Supermarkt gefunden, und das waren
unsere Autos. So spielten wir, daß wir die sog. „Zu- hause"
suchten und das sind dann Pappkartons. Wir sind vier Jungs und wir
haben jeder so ein „Zuhause" und einen Beruf. Wir finden
das nicht kindisch, auch wenn wir schon elf Jahre sind. Ich bin
der Bürgermeister, und der Bürgermeister wird durch Wahlen
gewählt. Dann gibt es den Feuerwehrchef und den Polizeichef. Wenn
man einen Fehler im Verkehr macht, kriegt man eine Strafe. Wir
haben Ehefrauen erfunden und auch so etwas, daß wir mit denen auf
Besuch gehen und auch allerlei unternehmen. Eigentlich spielen wir
„normales Leben".
Die Familie ist in diesem Spiel keine isolierte Insel, sondern
ein fester Teil der gesamten Gesellschaft und ihrer
Machtstrukturen. Obwohl die Spielfamilie der Kinder bereits ein
Teil der Spielgesellschaft ist, handelt es sich doch nicht um ein
Einüben des richtigen Lebens oder um ein Nachahmen der
Erwachsenen, sondern die Kinder haben eine eigene Gesellschaft
geschaffen, denn das finden sie lustig. Die Jungen selbst spielen
keine Mütter, obwohl zu ihren Spielen Wohnungen oder Zuhause
gehören. Die Jungen spielen Männer, die Frauen haben. Von
Kindern ist nicht die Rede. In diesem Spiel befindet man sich auch
nicht im Haus oder zu Hause. Hier ist die Familie mehr nach außen
orientiert. Es scheint, als sei die Aktivität außerhalb des
Hauses in Beruf und Verkehr wichtiger. Allerdings wird das Zuhause
und dessen Existenz betont.
In mehreren Untersuchungen (u.a. Strandell 1995, Corsaro 1997,
Enerstvedt 1998) ist bereits die Eigenständigkeit der eigenen
Kultur der Kinder gerade in den Bereichen des Spiels und der
Kreativität nachgewiesen worden. Die Kinder schaffen gemeinsam
oder allein ihre eigene Kultur, ihre Spiele und ihre Geschichten
für diesen Augenblick. Es ist nicht beabsichtigt, sie an die
folgenden Generationen weiterzugeben, anders als es bei der durch
die Erwachsenen geschaffenen Kultur ist, die häufig gerade im
Hinblick auf die Zukunft geschaffen wird.
Familienwortschatz
in den Erzählungen der Kinder
Hinsichtlich der von Kindern erzählten Märchen haben
Untersuchungen ergeben, daß die Kinder eine reiche und
vielseitige Sprache verwenden. Die Themen sind vielfältig, und
von den 5000 archivierten Geschichten ist jede eigenständig, es
gibt keine zwei identischen. In den Familienmärchen sind Menschen
gleicherweise wie Tiere oder Phantasiewesen die handelnden Figuren.
Bei der Untersuchung werden die menschlichen Familien nicht als
eigene Gesamtheit betrachtet, sondern alle Erzählungen über die
Familie werden gemeinsam behandelt, in der Annahme, daß das Kind
hier ebenfalls keinen Unterschied macht. Von den archivierten
Geschichten sind bislang ungefähr 500 näher analysiert worden.
Die Familie lebt in den Geschichten und Spielen der Kinder auf der
Erde und im Weltraum, real und in der Phantasie, Mutter und Vater
mit den Kindern oder den Freunden. Tod und Geburt kommen in den
Geschichten gleicherweise vor. Eine besondere Unterart sind die
Liebesgeschichten. Davon zwei Beispiele am Ende des Aufsatzes. Die
kleinsten Kinder erfinden ihre Geschichten oft während des Malens.
Die dreijährige Ilona erzählte beim Malen folgendes Märchen.
Hier ist eine Kirche. Gelb. Das ist die Kirche, so daß das
Mädchen ins Gefängnis kam. Dann kam es nicht heraus, es kam
nicht weg, kam nicht. Dann kam es und stieß es auf. Dann kam der
Vater entgegen, die Mutter kam nicht. Dann kam die Mutter. Der
Dinosaurus fraß den Vater. Dann wird die Mutter böse. Die Katze
ging in den Brunnen, aber sie kam nicht hinein. Der Vater ging
nach Hause, die Mutter und das Mädchen und der Junge und der Hund
und dann wurde es Abend und es kam Schnee und Regen.
Das Märchen beginnt mit der gelben Farbe der Kirche, dem
Mädchen und dem Gefängnis, doch bald wird daraus eine Erzählung
über eine Familie, wo es die Eltern, die Kinder und ein Heimtier
gibt, die am Abend nach Hause gehen. Niina Rutanen (1997) hat in
ihrer Untersuchung festgestellt, daß die Kinder in ihren
Geschichten häufig das Zuhause erwähnen. In vielen Fällen ist
das Zuhause der Ort, wohin man nach den Abenteuern zurückkehrt.
So auch im Märchen von Ilona.
Bei 200 analysierten, von Kindern erzählten Märchen waren es am
häufigsten die Mutter und der Vater, die als handelnde Personen
auftraten. Die häufigsten Substantive waren meistens die gleichen
(Karlsson 2000, 113). Der größte Teil dieser Substantive hing
mit der Familie, deren Wirkungskreis und ihren Unternehmungen
zusammen. Am meisten begegnete das Wort fi. koti 'Haus, Heim,
Wohnung, das Zuhause'. Andere Orte, wo die Handlung stattfand,
waren das Geschäft (der Kaufladen) und der Wald. Am häufigsten
traten Mutter, Vater und Freund/Freundin sowie die Tiere Katze,
Bär und Hund auf. Auch Essen und Bonbon waren häufig vorkommende
Wörter.
Die Rolle der Eltern
Die Eltern sind die wichtigsten Erwachsenen in den Märchen der
Kinder. Im Material von Terkki (1997, 70-76) treten in jedem
fünften Bericht die Eltern oder ein Elternteil auf. Im Material
von Rutanen (1997) und Karlsson (2001) wurden die Eltern in jeder
vierten Geschichte genannt.
Bei den Erwachsenen handelt es sich fast immer um Mütter,
manchmal um Väter. Nur drei Erzählungen, in denen Erwachsene
vorkamen, handelten von jemand anderem als den Eltern oder einem
Elternteil: Zweimal war es der Lehrer und einmal ein Pate. Auch
die Elf- bis Zwölfjährigen nannten in ihren Niederschriften als
Erwachsene oft die Mutter oder den Vater oder manchmal auch den
Lehrer (Bardy, Laukonsuo, Karjalainen & Sihto 1992, 7 und
190-199).
Interessant und des Überlegens wert ist die Tatsache, daß die
Kinder nicht die Tagesstätte erwähnten oder davon erzählten,
obwohl sie den größten Teil ihres Tages dort verbrachten und in
der Hauptsache auch ihre Geschichten dort erzählten (z. B. Lasten
Satulehdet, Terkki 1997, 51). Auch die Untersuchung von Kalliala
(1999, 178) ergab, daß die Kinder keine Spiele mit
Tagesstättenthematik spielten.
Die Eltern beteiligten sich seltener an den Abenteuern. Mutter und
Vater zeigten in den Erzählungen Zärtlichkeit und trösteten die
Kinder, sie retteten sie und kümmerten sich um sie. Sie
schimpften und kommandierten sie auch. Die Eltern gingen meist
alltäglichen Beschäftigungen nach, sie gingen einkaufen oder sie
gingen schlafen (Terkki 1997, Karlsson 2001). Aufschlußreich ist,
daß in der Untersuchung von Innanen (2001) die Jugendlichen
betonten, daß die alltäglichen Augenblicke in Gesellschaft der
Eltern gut waren.
Die Aktivitäten von Mutter und Vater sind in 200 Geschichten
finnischer Kinder analysiert worden, die veröffentlicht wurden in
Lasten Satulehti 2/1996, 1/1988 sowie in Lapsille puheenvuoro
(Karlsson 2000). In 51 Geschichten von diesen 200 werden die
Mutter und /oder der Vater erwähnt. Die folgende Tabelle enthält
die Themenkreise, über die die Kinder erzählen. Ein- und
dieselbe Geschichte enthält mitunter mehrere Themenkreise. In
ungefähr einem Drittel der Geschichten handeln Mutter und Vater
zusammen. Nur in einer Geschichte wurde das Kind geschlagen.
(Karlsson 2001).
In den Geschichten der Kinder nahm ein Elternteil oft die
Position der Autorität ein, indem er z.B. etwas verbot,
einschränkte, befahl oder erlaubte. Die Kinder waren lieb zu den
Eltern und handelten, wie diese es wünschten. Nur in einem
Ausnahmefall stellte das Kind die Autorität des Elternteils in
Frage. Die Kinder verwirklichten die Wünsche ihrer Eltern,
während die Eltern nur in einem Ausnahmefall die Wünsche der
Kinder verwirklichten oder die Meinung des Kindes erfragten.
Es war einmal
ein kleines Eichhörnchen, das auf dem Baum saß und an seinem
Zapfen knabberte und seine Mutter sagte: „Kommst du mit mir
spazieren?" Da sagte das Kind: „Ja, ich komme." Dann
sagte die Mutter: „Gut, ich gehe mit dir einkaufen. Dann kann
ich dir neues Zapfenspielzeug kaufen. Wenn du nur lieb bist im
Geschäft. Dann sind wir schon hier. Hol doch mal das Spielzeug,
ich habe es vergessen!" „Ja, Mutter." „Gut, mein
Kind, jetzt bezahle ich", und sie gingen gleich nach Hause,
nachdem sie bezahlt hatten. Und es begann gleich mit dem neuen
Zapfenspielzeug zu spielen. Schluß.
Erzählt von Essi, 5 Jahre, 6 Monate (Lasten Satulehti 2/1996, 4).
Aufgrund von 300 Geschichten kann man sagen, daß die Art der
Kinder, von Erwachsenen zu sprechen, völlig abweicht von der, wie
sie von Kindern sprechen. Die Beziehungen Kind/Kind und
Erwachsener/Kind unterscheiden sich deutlich hinsichtlich der
Autorität. Die Freunde der Kinder sind untereinander ebenbürtig
und gleichberechtigt. Sie helfen einander und kümmern sich
umeinander (Terkki 1997, 80-82 und Karlsson 2001.) Die Geschichten
von Mädchen und Jungen zeigen aufgrund der Untersuchungen von
Niina Rutanen (1997) keine deutlichen Unterschiede voneinander.
Sowohl die Mädchen als auch die Jungen erzählen in fast jeder
zweiten Geschichte von Dingen, die mit der Familie zusammenhängen
(Rutanen 1997, 70-72).
Patchworkfamilien
und neue Beziehungen
Die folgenden Geschichten von Kindern handeln von veränderten
Familienbeziehungen mit Ehescheidung und neuen Partnern der Eltern.
Die Entenfamilie
Erzählt von Nadja, 6 Jahre, 9 Monate
Es war einmal eine kleine Schwester und dann gab es die Mutter
und dann noch eine Schwester und einen Bruder. Dann wurde es
Morgen und die kleine Schwester erwachte. Und sie gingen zum See
schwimmen. Und das Kind ging als erstes zum Ufer. (War da kein
Vater? fragt die Sammlerin.) Alle gingen zum Ufer, und da kam noch
ein anderer Mann hin und der war zwanzig Jahre alt. Und die Mutter
war - ich weiß nicht, wie alt die war. Die Mutter war
neunundzwanzig Jahre.
Und der Vater - das war der zukünftige Vater - kam dorthin und
fragte: „Ist sie verheiratet oder geschieden?" Und dann
wollten sie nach Hause gehen, die Enten. Dann sagte der künftige
Vater: „Geht noch nicht!" Dann blieben sie noch ein wenig,
und er bat um ihre Hand. Und dann gingen sie nach Hause, und der
Vater durfte mit!
(Kemppainen & Riihelä 2000, 60)
Für Mutter
Erzählt von Samuli, 5 Jahre, 6 Monate
Es war einmal eine Krähe, und das war ein Mädchen. Und dann
sah sie, wie der Freund nach Hause kam, und dann wollten sie
Kinder haben. Und dann, als das erste geboren war, dann kam das
zweite, und dann gingen sie nach Süden. Dann wurde es Nacht, und
dann begannen die Kinder zu schlafen, und dann kamen Hunde und
Mäuse. Und dann flogen zwei andere Krähen vorbei. Und dann kamen
Tauben nach Finnland und Gimpel, und dann war das Märchen zu Ende.
(Kemppainen & Riihelä 2000, 55).
Die
Energien der Familie in Stadtspielen
Die zwölf- bis dreizehnjährigen Schüler in Helsinki spielen
nach ihren eigenen Worten so gut wie nie mehr Mutter und Kind resp.
Zuhause. Die Freunde, die jeweils größere Einheiten ins Spiel
einbrachten, bereicherten dieses erfundene Spiel durch die
verschiedensten Bestandteile.
Ich bin
13 Jahre und wir spielen dies häufig, wir sind meist sechs
oder sieben, vier Mädchen und drei Jungen. Wir sind alle in der
gleichen Klasse. Ein Spiel dauert mehrere Wochen, manchmal Monate,
wir fertigen einen Stadtplan an mit den Wohnhäusern und den
Geschäften und zwar in einem karierten Heft (ein Schulheft wird
in der Mitte aufgeschlagen). Für jeden Mitspieler werden die
Personenangaben zusammengestellt, Name, Land, Wohnsitz,
Nationalität, wieviel Geld man hat, welches Auto, welches Haus,
Arbeit, Heimtier u.ä. Alle können alles vorschlagen. Jeder muß
diese Angaben über sich selbst auf die vereinbarte Art und Weise
aufschreiben. Wir haben einen Würfel mit 20 Seiten und 12 Seiten,
mehr als 10 bedeutet ja und weniger bedeutet nein! Mit dem
kleineren wird um Energie und Lohn gewürfelt, mit dem größeren
um Ereignisse bzw. alles andere. Für das Spiel wird auch ein
Preisverzeichnis für jedes Geschäft angefertigt. Einer erfindet
dann die Geschichte von den anderen, z. B. so: Sini geht über die
Straße, und ein Auto kommt sehr schnell auf sie zu; dann wird
durch den Würfel festgestellt, ob Sini überfahren wird oder
nicht und dann wird gewürfelt, ob der Krankenwagen rechtzeitig
kommt oder nicht und wenn nicht, dann wird geschaut, wieviel
Energie Sini durch den kleinen Würfel verlor und es wird
festgestellt, wie lange Sini im Krankenhaus bleiben muß. Das
läßt sich schwer erklären, komm und spiel mit, du kannst ja
Forscherin dabei sein, wenn du willst!
In diesem Spiel bauen Kinder gemeinsam an einem großen Drama,
an einem regelrechten Abenteuer. Die Ursache dafür, daß das
Spiel aufhört, besteht fast immer darin, daß es an seiner
eigenen Unmöglichkeit scheitert.
Wir hören dann auf gemeinsamen Beschluß auf, wenn die
Ereignisse nicht mehr real sein können, wenn sie nicht mehr echt
sein können. Dann fangen wir wieder mit einer ganz neuen
Geschichte an.
Die
Familie bringt ihre Kinder zur Tagespflege und zur Schule
Finnland ist das gelobte Land der Tagespflege für Kinder; hier
ist gesetzlich eine qualifizierte Pflege gesichert. Alle noch
nicht schulpflichtigen Kinder, d.h. unter sieben Jahren, haben
gesetzlich das subjektive Recht auf einen Pflegeplatz. Zum Alltag
vieler Familien mit Kindern gehört es, daß das Kind zur
Tagespflege gebracht und wieder abgeholt wird. Die folgende
Geschichte, erzählt in Form eines Schauspiels, stammt von
4-6jährigen Jungen und Mädchen. Ihre Tagesmutter hat das
Storycrafting veranlaßt. Der Dialog geht also auf die Kinder
zurück. Die Tagesmutter machte sich Gedanken darüber, was für
ein Bild die Kinder von der Arbeit der Tagesmutter haben und von
der Interaktion mit den Eltern.
Die Kinder kommen zur Pflege und verlassen sie.
Personen: Tagesmutter (Ta), Mütter Asta, Ulla und Sari sowie ein
dabei befindliches Kind
Asta: Hallo, ich bringe den Toni zur Tagespflege.
Ta: Ja, wann wird er morgen gebracht?
Asta: Ich bringe ihn zum Essen, heute hole ich ihn um sechs.
Ta: Warum seid ihr heute so früh dran? (Bemerkung: Toni kommt
normalerweise als letzter zur Tagesmutter, aber heute war er der
erste.)
Asta: Das ist nur ein Ausnahmefall. Meine Arbeit fängt so früh
an.
Ta: Gehen Sie nur, wir kommen schon zurecht.
Ulla: Hier kommt Mika.
Ta: Gut, daß ihr rechtzeitig kommt, bald brennt der Brei an. Setz
mal den Mika auf den Stuhl. Geht nur zur Arbeit, wenn es eilig ist.
Ulla: Ich hab's gar nicht eilig.
Ta: Was wollte ich gleich sagen.
Ulla: Na, ich geh dann mal. Tschüs!
Sari: Tag.
Ta: Wann wird das Kind morgen zur Pflege gebracht?
Sari: Vor dem Brei.
Ta: Es wäre besser, wenn es ohne zu essen hier wäre. Es könnte
dann nach den anderen essen. Hat das Kind aber lange Haare!
Sari: Ja, die sind gewachsen. Ich hab's eilig zur Arbeit.
Ta: Tschüs!
Am Nachmittag:
Ta: Dein Kind ist schon zurechtgekommen, aber es hat das Essen
so geschlungen.
Ulla: Soso.
Ta: Wir wollen uns etwas unterhalten. Morgen kommt ihr wieder.
Nehmt euer Kind.
Ulla: Morgen komme ich wieder zur richtigen Zeit. Tschüs dann!
Sari: Tag.
Ta: Ach, ihr kommt das Kind holen. Es war wirklich gut, hat ganz
im richtigen Tempo gegessen. So wird es keine Bauchschmerzen
kriegen.
Sari: Ja ja, ja ja. Zum Friseur müßte man es bringen.
Ta: Kommt morgen wieder. Toni bleibt noch.
Sari: Ich will mal die Tür zumachen und losgehen. Tschüs dann!
Ta: Tschüs!
Ta: Ja, das Kind ist sehr gut zurechtgekommen, keine
Bauchschmerzen. Wann kommt ihr morgen?
Asta: Bestimmt zum Essen, damit das Kind vernünftiges Essen
kriegt. Ich kann es um sechs holen. Ich mußte noch während der
Arbeit mit einer Kollegin sprechen. Du hast bestimmt gemerkt, daß
ich immer eine Viertelstunde zu spät komme.
Ta: Wo arbeitest du?
Asta: Im Konservatorium bin ich.
Ta: Und da frisiert ihr auch immer. Na, tschüs dann.
Asta: Tschüs und danke.
(Karlsson 1999, 141-142)
Hier bringt also eine Mutter namens Asta ihren Sohn namens
Toni, eine Mutter namens Ulla ihren Sohn namens Mika und Sari ein
namentlich nicht genanntes Kind zur Pflege. Die Uhr tickt, es ist
eilig, man kommt zu spät oder man kommt rechtzeitig. Die Kinder
werden entweder sehr früh gebracht, zur rechten Zeit oder vor dem
Brei. Sari und Asta haben es eilig zur Arbeit. Aber obwohl Ulla es
überhaupt nicht eilig hat, finden sie doch kein Gesprächsthema
mit der Tagesmutter. Das Gespräch dreht sich viel um Fragen des
Essens. Die Erwachsenen tauschen sich auch darüber aus, wie die
Kinder zurechtkamen und wie die Haare gewachsen sind. Über die
Tätigkeit der Tagesmutter selbst, die Gedanken und Handlungen der
Kinder aber sprechen die Erwachsenen nicht im Schauspiel der
Kinder.
Im folgenden Märchen kommt Kalle
in die Schule.
Es war einmal ein Junge, der hieß Kalle. Dann wollte Kalle als
Heimtier einen Hund, der ein lieber Hund war und niemanden biß
und auch niemanden kratzte. Als die Mutter Kalles Stimme hörte,
kam sie in sein Zimmer. Die Mutter sagte schließlich zu Kalle,
geh mal schon schlafen. Kalle sagte seiner Mutter, daß er die
Schulaufgaben noch nicht gemacht hatte. Die Mutter sagte: „Jetzt
gehst du aber sofort schlafen." Kalle sagte zu seiner Mutter:
„Ich gehe schlafen." Und er ging auf Befehl der Mutter
gleich schlafen. Und bald schlief Kalle schon ein.
Und Kalles Vater und Mutter gingen schlafen. Aber sie schliefen
nicht ein. Sie konnten nicht gleich einschlafen. Sie überlegten
nur, wann sie Kalle zur Schule schicken könnten. Aber
schließlich kamen Mutter und Vater darauf, daß der Junge ja
schon 7 Jahre alt war. Mutter und Vater sagten: „Alle anderen
Schüler sind siebenjährig." Und dann sagten Mutter und
Vater dem Kalle gleichzeitig: „Kalle, bist du damit
einverstanden, daß du in die Schule gehst?" Kalle antwortete:
„Ja, das paßt." Mutter und Vater gingen zum Auto und Kalle
hinterher. Dann hörte man dreimal PAM. Danach startete der Vater
das Auto, und die Mutter fragte Kalle: „Ist es schön, zur
Schule zu gehen?" Und Kalle antwortete: „Es ist prima, zur
Schule zu gehen."
(Karlsson 2000, 116)
Erzählt wurde diese Geschichte von einem bald sechsjährigen
Mädchen, Kirsi-Maria. Die Geschichte schildert die Stimmung in
der Familie, die Zuneigung, wie die Eltern Grenzen setzen und wie
das Kind gehorchen muß. Das Kind wird auch nach seiner Meinung
gefragt. Die Eltern widmen sich völlig den Angelegenheiten des
Kindes, durch Beratung kommt man überein und es wird gefragt, wie
es dem Kind geht. Von Hektik ist in dieser Familie keine Spur. Die
Familien sind verschieden und die Situationen wechseln.
Die
Familie inmitten eines Kriegsabenteuers
Oft erzählen die Kinder in ihren Gruppenmärchen begeistert
von wilden Abenteuern. Die Mädchen Riia, Iiris, Merine, Sanna und
die Jungen Jarkko und Konsta sind zwei bis vier Jahre alt. Sie
verbringen den Tag in der gleichen Kindertagesstätte und sie
werden häufig aufgefordert, ihre Geschichten zu erzählen. Hier
ihre Indianerjagdgeschichte.
Es war einmal ein Bär im Land der Indianer. Die Indianer
jagten den Bären. Dann jagten sie einen Hirsch. Mit Speeren
warfen sie nach den Bären. Dann kamen die Matrosen. Sie kämpften
gegen die Indianer. Dann besiegten die Indianer die Seeleute. Dann
brieten die Indianer den Bären und den Hirsch. Die Matrosen
wurden böse. Sie bauten Stockwerkhäuser dort. Dann gingen sie in
den Wald. Sie machten Jagd auf Löwen. Das Bärenfleisch war gut.
Da erschraken alle Tiere, weil ein Jäger aus Finnland gekommen
war. Ein Indianer wollte nicht kämpfen, sondern er wollte
verhandeln. Dann kam er zu der Versammlung. Dann war die
Indianermutter im Zelt und wiegte das Kind, und das Kind schlief
ein. Dann kam wieder Krieg. Und die anderen kämpften, die
Bleichgesichter und die Indianer. Die bösen Männer wurden
verjagt. Der Jäger war gut. Seine Lieblinge waren die Indianer.
(Karlsson 2000, 132-133)
Mitten in Kampf und Krieg, während des Bratens von Bär und
Hirsch, befand sich die Indianermutter im Zelt und wiegte ihr Kind,
und das Kind schlief ein. Auch während des Kampfes wird das Kind
umsorgt. Wenn die Eltern in Abenteuergeschichten erwähnt werden,
was selten passiert, so nehmen sie jedoch nicht an den Abenteuern
teil.
Kinder ohne Familie
Die in den Geschichten auftretenden Kinder besitzen nicht immer
Eltern. In einem Märchen bekamen die Großeltern ein Kind, und
alles ging gut (Kemppainen 1998, 9). Das Märchen des
sechsjährigen Jukka beginnt:
Es waren einmal eine Oma und ein Opa, und sie hatten keine Kinder,
und dann bekamen sie eines Tages ein Kind und dann wuchs ihr Kind
heran....
Ein anderer sechsjähriger Junge namens Arttu berichtete
folgendes Märchen (Kemppainen 1998, 9):
Es waren einmal
kleine Schweinchen. Sie hatten weder Vater noch Mutter.
Sie beschlossen in den Wald zu gehen und andere zu beobachten.
Dann wurden sie gesehen. Eine Krähe im Baum sah sie. Die Krähe
rief: Raak, raak. Dann fingen die Schweinchen die Krähe, weil sie
Fangen spielten. Sie bekamen die Krähe.
Dann mußte ein Schweinchen essen gehen. Als es dann gegessen
hatte, ging es mit seinem kleinen Bruder auf den Hof Verstecken
spielen. Dann spielten sie mit dem Computer. Dann war die große
Schwester vom kleinen Bruder schon erwachsen. Sie bekam ein Baby.
Das Baby war nach 40 Monaten schon erwachsen. Das war die
Geschichte.
Vom
Verliebtwerden bis zur Geburt eines Kindes
Die kleine Ente
Es war einmal eine kleine Ente. Ihr Zuhause war eine kleine rote
Hütte. Die Ente hatte zwei Jungen. Sie war sehr glücklich. Und
einmal fand die Ente einen Mann für sich. Das war die Geschichte.
Miisa, 5 Jahre
(Karlsson 2000, 115)
Die Liebe
zwischen Heli und Henkka
Erzählt von der 6jährigen Aila (Kemppainen 1998, 57-59).
Eines Tages ging Heli in die Stadt spazieren.
Ein Mann kam ihr entgegen. Der Mann fragte Heli,
wie ihr Name sei. Heli war schon erwachsen und bat Henkka mit sich
nach Hause.
Aber eines Tages beschlossen Henkka und Heli zu heiraten.
Als die Hochzeit vorbei war, gingen Henkka und Heli in die
Küche sich küssen.
Dann gingen Henkka und Heli ins Schlafzimmer.
Und sie machten Babys im Schlafzimmer.
Das Baby wurde nach einem Jahr geboren.
Heli und Henkka küßten sich vor Freude. Neben dem Baby stand
das Fläschchen, aus dem das Baby trinken konnte. Das Baby hatte
ganz große Backen. Aber plötzlich hörte die Mutter ein Weinen,
das Baby war aus seinem Heubett gefallen. Heli hob das Baby auf
und nahm es in die Arme. Heli beruhigte das Baby, und nach einer
Woche durfte das Baby zur Taufe gehen. Als Heli und Henkka mit dem
Baby von der Taufe kamen, wurde es schon Abend, und sie deckten
das Baby im Heubett zu und legten sich neben das Baby in ihr Bett.
Heli, Henkka und das Baby schliefen fest die ganze Nacht, bis der
Morgen kam.
Als der Morgen gekommen war, gingen Henkka und Heli mit dem
Baby auf den Markt. Henkka und Heli gingen immer weiter.
Plötzlich kam eine Brücke entgegen. Die mußte man
überqueren, denn darunter war das Meer, in dem die Enten wieder
schwammen. Als Heli und Henkka die Brücke mit dem Baby überquert
hatten, gingen sie an Land. Da war ihre Heimat, denn die Brücke
führte sie nach Hause. Dann kam der Abend, und sie gingen
schlafen, und als es Morgen wurde, waren sie frisch. Ende gut,
alles gut.
Und nun noch ein Märchen über die Liebe von einem Prinzen und
einer Prinzessin, erzählt von der 6jährigen Kaisla. Obwohl die
Mutter dagegen ist, erfindet das Kind in seiner Geschichte die
Lösung für die Liebenden.
Es war einmal eine Prinzessin, die ging im Wald spazieren. Und
dann traf sie dort einen stattlichen Mann. Sie kannte den Mann
nicht, so daß sie fragte: „Wer bist du?" Und dann lief die
Prinzessin nach Hause und machte Mittagsschlaf. Und sie wachte auf.
Dann ging sie wieder den Prinzen treffen. Sie begriff, wer der
junge Mann war. Er war der Prinz vom Nachbarhof. Und dann lief sie
wieder nach Hause und auf den Nachbarhof. Und sie fragte den
König vom Nachbarhof: „Wo ist Euer Kind?" Der König
sprach: „Der ist im Bett und überlegt, wer die Prinzessin vom
benachbarten Schloß ist ."
„Na, das bin doch ich!" Und dann kam die Mutter der
Prinzessin und schickte die Prinzessin ins Bett, wo sie nachdenken
sollte.
Und dann kam die Nacht und alle Leute im Schloß schliefen. Aber
der Prinz und die Prinzessin wachten auf und gingen in den Wald
und trafen sich wieder. Und dann kam zuerst ein Hase. Die
Prinzessin fragte den Hasen:" Weißt du ein gutes Versteck,
weil meine Mutter am Morgen Beeren pflücken kommt und jede Stelle
durchsucht." Der Hase sprach: „Klettre dann auf den Baum,
der Prinz wird dir helfen."
Und dann brach schon der Morgen an, und die Mutter kam Beeren
pflücken. Schnell half der Prinz der Prinzessin auf den Baum, und
dann ging die Mutter mit den Beeren nach Hause. Der Prinz und die
Prinzessin bekamen einander.
Kemppainen (1998, 19).
Ausblick
Wir haben erst vorläufige richtungweisende Ergebnisse darüber,
was Kinder über die Familie denken. Die Methode, anstatt zu
fragen die Kinder erzählen zu lassen, scheint vielversprechend.
Die eigenen Berichte und Schilderungen von Spielen der Kinder
kommen auf diese Weise zu ihrem Recht. Aus der Perspektive der
eigenen Kultur der Kinder ergibt sich ein vielfältiges Spektrum
an Familienbezügen. Die Eltern sind in der Welt, in den Spielen
und den Geschichten der Kinder zugegen, jedoch nicht nur in den
traditionellen Formen. Ihre Geschichten zeigen Motive aus der
Volksüberlieferung, doch die Schöpfungen der Kinder betreffen
den heutigen Tag und berichten davon, wie sie die Familie und das
Beziehungsgeflecht sehen. Die Erwachsenen lesen die Geschichten
der Kinder vielleicht mehr unter traditionellem Aspekt. Für uns
bildet die Überlieferung den Referenzrahmen, was jedoch die
Beobachtung anderer Dimensionen erschwert. Was Kinder mit der
Familie und dem Familienleben verbinden, bleibt uns eher verborgen.
Für uns gehören Arbeit, Alltag, Essenszeiten, das Versorgen der
Kinder durch die Eltern zum Alltag.
Im Zusammenhang mit der Familie und dem Zuhause begegnen in den
Geschichten und Spielen der Kinder Geburt und Tod, Tagespflege und
Schule sowie das Einkaufen. Dabei werden die Eltern als Stützen
der Kinder geschildert, oder aber sie kommandieren ihre Kinder und
vernachlässigen sie. Die Aspekte der Kinder sind vielseitiger,
als es die Erwachsenen erwarten. Je älter die Kinder sind, desto
deutlicher werden die Verbindungen der Familie zur übrigen
Gesellschaft, zur Arbeit, zum Verkehr oder zum Verwalten und
Regieren. Mit den Eltern unternehmen die Kinder andere Dinge als
mit ihren Freunden. Die Familiengeschichten unterscheiden sich vor
allem darin von den Abenteuergeschichten, daß man in der Familie
mehr den Alltagsbeschäftigungen nachgeht, man geht einkaufen, man
nimmt gemeinsam die Mahlzeiten ein und man schläft. In den
Abenteuergeschichten erleben die Kinder spannende Momente
miteinander. Zwar kehrt man auch darin oft nach Hause zurück,
doch spielt die Familie in diesen Geschichten eine Nebenrolle. Die
beachtlichen empathischen Fähigkeiten der Kinder kommen im
vorliegenden Material vor allem bei Beratungen im Zusammenhang mit
dem Kinderschutz zum Ausdruck, wo die Kinder durch ihre
Geschichten die Eltern ermutigen und erfreuen. Ein solches
Märchen ist das Geschenk des Kindes an Mutter und Vater.
Viele Fragen bleiben weiterhin offen. Noch ist nicht untersucht,
wie in unterschiedlicher Umwelt lebende Kinder die Familie sehen
und erleben. Zu untersuchen wäre auch, wie die Erwachsenen zu den
Auffassungen der Kinder über die Familie stehen und welche
Wechselbeziehungen es hier gibt.
Aus dem Finnischen von Ingrid Schellbach-Kopra
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Sammlung im Rahmen des Projekts „Märchenreise" 1995-1997].
Folklore-Archiv der Finnischen Literaturgesellschaft, Helsinki.
Leikkikuvauksien vuoden 2000 keruun sato [Erträge der
Sammlung von Spielbeschreibungen im Jahr 2000]. Folklore-Archiv
der Finnischen Literaturgesellschaft, Helsinki.
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